Nearshoring
Nearshoring in Mitteleuropa: Resilienz neu kalkuliert
Die Verlagerung nach Mittel- und Osteuropa rechnet sich in unseren Modellen seltener über Lohnkosten als über Bestandsreichweite. Wer nur Stundensätze vergleicht, verlegt seine Fertigung aus dem falschen Grund.
Die Diskussion über Nearshoring wird in den meisten Unternehmen mit einer Tabelle geführt, die Stundensätze vergleicht. Diese Tabelle führt zuverlässig zu falschen Entscheidungen – in beide Richtungen.
Warum der Lohnkostenvergleich in die Irre führt
In den Standortmodellen, die wir in den letzten vier Jahren gerechnet haben, lag der Anteil der Fertigungslöhne an den Gesamtkosten der betrachteten Produkte zwischen 6 und 19 Prozent. Eine Reduktion der Lohnkosten um 40 Prozent bewegt bei einem Anteil von 9 Prozent also 3,6 Prozent der Gesamtkosten.
Dem stehen bei einer Verlagerung von Asien nach Mitteleuropa gegenüber:
- Transportkosten: typischerweise 30 bis 55 Prozent niedriger
- Bestandsreichweite: 6 bis 11 Wochen kürzer, weil Seefracht entfällt
- Zollrisiko und Handelsbarrieren: deutlich reduziert
- Reaktionszeit auf Nachfrageänderungen: von Monaten auf Wochen
Der zweite Punkt ist der wirtschaftlich größte und wird am häufigsten übersehen. Sechs bis elf Wochen weniger Ware auf dem Wasser bedeutet, dass entsprechend weniger Kapital gebunden ist – und dass die Prognose, auf deren Grundlage produziert wurde, um diesen Zeitraum jünger und damit treffsicherer ist.
Was wir in den Modellen sehen
In den zwölf Standortentscheidungen, die wir seit 2022 begleitet haben, verteilte sich der Gesamtvorteil einer Verlagerung nach Mittel- und Osteuropa im Median so:
| Effektquelle | Anteil am Gesamtvorteil |
|---|---|
| Reduzierte Kapitalbindung und Bestandsabschreibung | 38 % |
| Transport- und Zollkosten | 29 % |
| Fertigungslöhne | 21 % |
| Qualitäts- und Nacharbeitskosten | 12 % |
Die Lohnkosten – der Grund, aus dem die meisten Verlagerungsprüfungen überhaupt begonnen werden – erklären also gut ein Fünftel des Effekts.
In zwei der zwölf Fälle haben wir von einer Verlagerung abgeraten. In beiden war der Lohnkostenvorteil erheblich, aber die Produkte hatten eine stabile, gut prognostizierbare Nachfrage und eine geringe Variantenzahl. Dort trägt der Bestandsvorteil nicht, und der Rest rechnet sich nicht.
Die Kriterien, die wirklich entscheiden
Aus dieser Struktur folgt eine kurze Prüfliste. Nearshoring rechnet sich vor allem dann, wenn:
- Die Nachfrage volatil oder schwer prognostizierbar ist – dann ist die kürzere Vorlaufzeit der größte Einzeleffekt
- Die Variantenzahl hoch ist – dann sind Bestandskosten und Abschreibungsrisiko hoch
- Der Produktwert je Volumeneinheit hoch ist – dann wirkt die reduzierte Kapitalbindung stark
- Kurzfristige Lieferzusagen Teil des Angebots sind – dann ist die Reaktionszeit ein Vertriebsargument
Und sie rechnet sich seltener, wenn die Nachfrage stabil, die Variantenzahl gering und der Produktwert je Container niedrig ist. In diesen Fällen ist Seefracht aus Asien nach wie vor schwer zu unterbieten.
Ein Hinweis zur Gesamtkostenrechnung
Die Größe, die in kaum einer Verlagerungsrechnung auftaucht, ist die Bestandsabschreibung. Sie ist unangenehm, weil sie eine Annahme über die Prognosegüte erfordert – und weil diese Annahme das Ergebnis erheblich bewegt.
Unsere Empfehlung: Rechnen Sie die Abschreibungsquote der letzten drei Jahre in das Modell ein, getrennt nach Produktgruppe, und weisen Sie die Sensitivität aus. In mehreren Mandaten war das die Größe, die die Entscheidung gekippt hat – in beide Richtungen.
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